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Poroschenko wird beseitigt – entweder von den USA oder vom Straßenmob des Rechten Sektors   
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19 September 2014 Autor:  Marko Jošilo | Kommentar(e): 8

Jetzt wird immer deutlicher, dass unberechenbare Menschen Viktor Janukowytsch, ein Jahr vor seinem garantierten Abgang von der Macht, gestürzt haben. Sie konnten nicht abwarten, dass Janukowitsch mit dem russischen Geld der ukrainischen Wirtschaft hilft und einen niedrigeren Gaspreis aushandelt. Einer von diesen Putschisten hat es genau beschrieben: „Wir waren nicht fähig den nächsten Tag im Voraus zu sehen, geschweige noch zu erkennen und zu verstehen, was vor unseren Augen passiert.“  

Poroschenko wird beseitigt – entweder von den USA oder vom Straßenmob des Rechten Sektors

Wenn wir äußerst skeptisch das intellektuelle Niveau der Februar-Revolutionäre beurteilen, was können wir noch über das geistige Niveau eines Mannes sagen, der im Mai beschlossen hatte, Präsident der Ukraine zu werden? Schon zu diesem Zeitpunkt war es mit blossen Augen zu erkennen, dass die ukrainische Wirtschaft am Boden liegt, dass die Zentralregierung Donezk und Lugansk, ja sogar die Hauptstadt Kiew nur bedingt kontrollieren kann; So lange, bis der neonazistische Rechte Sektor beschliesst, einen „Spaziergang“ zum Regierungsviertel zu machen. Es war auch damals vorhersehbar, dass die „Strafoperation“ gegen Neurussland einen völligen Zusammenbruch erleben wird.  

Es scheint fast so, als ob Petro Poroschenko sich einfach nur gewünscht hat, dass in seiner Biografie steht: "Der Präsident der Ukraine". Man könnte gewisses Mitgefühl mit ihm haben, weil Poroschenko seinen Traum zu dem Zeitpunkt realisiert, wo die Ukraine praktisch aufgehört hat zu existieren und ihr letzter legitimer Präsident Janukowytsch sich in Russland aalt - unsichtbar und mehr verachtet von Freunden und Kollegen, als von seinen Feinden. Wenn aber ein Mensch es nicht versteht, dass nur ein politisches und militärisches Genie im Range eines Napoleon Bonaparte die Macht in einem solchen Fall behalten könnte (und Poroschenko ist definitiv kein Bonaparte), dann verdient er auch kein Mitgefühl.

Janukowytsch wird gehasst, weil er die Gelegenheit hatte, das „Abschlachten“ im Südosten zu verhindern, aber wegen seiner natürlichen Dummheit und der enormen Gier, konnte er diese recht einfache Aufgabe nicht lösen. Noch grösseren Hass verdient Poroschenko, weil er sich freiwillig angeboten hatte, eine viel schwierigere Aufgabe zu lösen und etwas zu retten, was schon längst unlösbar und nicht mehr zu retten war. Obendrein besitzt er weder die notwendige Ausbildung noch Talent, um eine solche Aufgabe zu lösen. Er hielt es nicht mal für notwendig, das Blutvergiessen im Südosten zu verhindern als es noch möglich war.   

Dieser Mann, der statt nach einem Kompromiss zu suchen entschieden hat - "kill everybody", hätte zumindest die Möglichkeit haben müssen, einen solchen Plan zu realisieren. Im Moment der Ernennung zum ukrainischen Präsidenten war Poroschenko die schwächste Figur in der ukrainischen Politik. Er hatte keine eigene Privatarmee wie die Oligarchen Kolomojskyj oder Achmetow. Selbst in der Region Winnyzja, in der er geboren wurde, kontrollierte er weniger als Serhij Taruta, der reichste Oligarch in der Ukraine und seit März Gouverneur der Oblast Donezk. Die Streitkräfte und Spezialdienste waren nicht ihm, als obersten Befehlshaber, untergeordnet, sondern den amerikanischen Militärberatern.

Poroschenko hat weder das Charisma einer Julia Timoschenko noch einen stabilen Parteiapparat, wie das Klitschko oder Jazenjuk haben. Selbst die IWF-Kredite wurden der Ukraine formell nicht wegen Poroschenko, sondern wegen Jazenjuk erteilt. Alles in allem, Petro Alexejewitsch Poroschenko besitzt keine wirklichen Hebel für die Realisierung seiner präsidialen Vollmachten.

Er hat auch keinen Spielraum mehr, weil der alternative politische Flügel wie die Kommunistische Partei oder die Partei der Regionen, an die sich Janukowytsch seinerzeit gestützt hatte, unmittelbar nach dem Putsch in Kiew, beseitigt wurden. Bei dem Rennen um die Position des „radikalsten“, konnte Poroschenko weder Jarosch und Tjahnybok, noch diesen erbärmlichen Oleh Ljaschko schlagen. 
 
Poroschenko ist faktisch nur formeller Staatsoberhaupt geworden und ist dazu bestimmt, die Verantwortung für alle Schrecken des Bürgerkriegs zu übernehmen. Ihm könnte jedoch wie auch seinem Vorgänger passieren, dass er von der politischen Bühne schnell verschwindet. Das hat Dmytro Jarosch, der Anführer des Rechten Sektors bereits angekündigt.

Wenn die Amerikaner Poroschenko hätten retten wollen, dann hätten sie ihm mit Sicherheit geraten, die Armee zurück zu ziehen, eine defensive Haltung einzunehmen und Verhandlungen mit den Aufständischen zu beginnen und ihm gleichzeitig Schutz von den ukrainischen radikalen Elementen organisiert. Die Offensive der Rebellen verlief sehr langsam, so dass die ukrainischen Einheiten, wenn sie einen solchen Auftrag erhalten hätten, die Möglichkeit hatten sich aus der Einkesselung zu retten. Weil die Einheiten der Ukrainischen Armee aber bis heute einen solchen Befehl nicht erhalten haben, so sind sie gezwungen weitere sinnlose und selbstmörderische Angriffe zu führen.

Zusammen mit dem Beginn der Offensive von den Aufständischen ist es Poroschenko gelungen, das Parlament aufzulösen und die Amerikaner haben nicht mal versucht, ihn daran zu hindern. Ihm war es nicht einmal bewusst, dass die Auflösung des Parlaments die Zahl seiner persönlichen Feinde innerhalb des bisher loyalen Teils der ukrainischen politischen Elite erhöht hat und damit zur weiteren Destabilisierung der ohnehin instabilen Lage im Land beigetragen hat. Dadurch wurde Poroschenko der einzige formelle Vertreter der ukrainischen Regierung der die ganze Verantwortung für all das, was im Land passiert, übernehmen muss. Die Amerikaner wussten das natürlich und mischten sich bewusst nicht ein.

Das Ergebnis dieser Fehlentscheidungen war am 29. und 30. August sichtbar. Ein Haufen von nicht friedlichen und bewaffneten Menschen stürmte auf das Vereidigungsministerium in Kiew und verlangten nicht nur den Rücktritt des Verteidigungsministers, sondern auch „impeachment of president“ -  die Amtsenthebung von Präsident Poroschenko. Am Verfahren der Amtsenthebung muss aber das Parlament aktiv beteiligt sein, was - angesichts der jetzigen Situation in der Ukraine - dazu geführt hat, dass der Mob die Entfernung des Präsidenten aus dem Amt von der bereits aufgelösten Rada verlangt.

Das Schlimmste kommt erst noch. Die Feuerpause wird nicht von langer Dauer sein und grosse Niederlagen der ukrainischen Kräfte werden erst noch folgen. Diese Einheiten sind eingekesselt, aber noch nicht zerschlagen und vernichtet. Mariupol hat sich auch nicht ergeben und die Armee Neurusslands ist für die Offensive auf Saporoschje vorläufig nicht bereit. Aber in ein oder zwei Wochen wird es ein "Fluss" von Särgen geben und die Flucht der erschrockenen "Helden der antiterroristischen Operation" aus der Einkesselung beginnen.

In einem extrem radikalisierten Kiew wird dann die Frage gestellt: Wer ist für diese Niederlage verantwortlich? Ich bin sicher, dass Poroschenko zum Sündenbock erklärt wird und die Nazis ihn für den Mangel an Grausamkeit bei der Vernichtung der Aufständischen und der Bevölkerung Neurusslands beschuldigen werden.

Dabei brauchen wir nicht mal Julia Tymoschenko zu erwähnen, die einem nie etwas verzeiht und immer noch überzeugt ist, dass sie sich mit Putin einigen, von Angela Merkel das Geld bekommen und Obama überreden kann, mit seiner Armee die Ukraine zu verteidigen. Für Poroschenko wäre es besser, nicht in ihre Hände zu fallen.

Alles in allem – an einem neuen Staatsstreich in der Ukraine sind alle interessiert. Wenn aber die völlig verrückten Nazis Poroschenko stürzen, wird die USA die Gelegenheit bekommen zu sagen, dass die Demokratie in der Ukraine gescheitert sei und Russland natürlich die Schuld hat, weil ein „großer Demokrat“ Poroschenko von den Nazis gestürzt wurde.

Die Amerikaner haben aber auch einen Grund, Poroschenko zu beseitigen - damit er niemandem erzählt, was sie ihm alles versprochen haben. Z.B. dass sie ihm geraten haben, Donbass zu bombardieren oder das malaysische Flugzeug abzuschiessen um dafür Russland beschuldigen zu können.

Nach den neuesten Zugeständnissen an die Aufständischen und einem Gesetz über erweiterte Autonomie im Südosten des Landes, das von einem aufgelösten und faktisch nicht existierenden Parlament beschlossen wurde, darf niemand mehr überrascht sein, wenn nach einer Reihe neuer Niederlagen der Kiewer Truppen mit enormen Verlusten der Strassenmob direkt seine Residenz stürmt.  




Artikelbild: Whitehouse

Marko Jošilo 2

Marko Jošilo ist ein deutscher Journalist. Geboren 1949 als jugoslawischer Staatsbürger  bei Sarajevo in Bosnien, wurde er Anfang der 90er Jahre in Deutschland eingebürgert.

Marko Jošilo begann 1975 mit seinem Studium für Journalistik, Geschichte und Politikwissenschaften in der ersten Studentengeneration der Journalistik an der Universität Dortmund. Abschluss 1981 als Diplom-Journalist. Während des Studiums absolvierte er bereits Praktika bei der Deutschen Welle und dem WDR in Köln.

Seit 1981 freie Tätigkeit für den WDR als Journalist, Reporter und Film-Autor. 1991 wurde Marko Jošilo vom WDR nach Belgrad als Reporter geschickt, mit dem Beginn des Jugoslawienkrieges arbeitete er als Kriegsreporter und freier Produzent für den WDR und andere ARD-Sender, u.a. auch   für Tagesschau und Tagesthemen. Außerdem lieferte er unzählige TV-Beiträge an diverse weitere Sender wie ZDF, RTL, Pro7 und viele mehr.

2004 kehrte Jošilo aus Serbien nach Deutschland zurück. Heute lebt er in Nordrhein-Westfalen, produziert TV-Beiträge und schreibt tagesaktuelle Artikel.

Demnächst erscheint sein erstes Buch über die fragwürdige Rolle der Medien im Jugoslawienkrieg!





8 Kommentar(e)
Marko Jošilo am 25 September 2014 15:39 Uhr
Danke für ihr Kommentar und interessanten Vorschlag. Leider würde die Zusendung meines Beitrags bei diesen Betonköpfen in unseren Medien wenig ausrichten. Ich war viele Jahre selbst ein Teil dieses Mediensystems, bei der ARD (genauer beim WDR) und musste viele Kämpfe mit Leuten und deren voreingenommenen Meinung austragen. Es hat nichts geholfen. Zum Glück gibt es heute alternative Medien im Internet, wo sich die Menschen in unserem Lande doch einigermaßen objektiv informieren können.
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Hermann Schatz am 23 September 2014 12:49 Uhr
Danke für diese analytische Betrachtung zum politischen Desaster eines ohne Armee (privat wie staatlich) agierenden Poroschenko, politisch extrem bedroht von Milliadärin Tymoschenko, überlagert von der Privat-Soldateska der Oligarchen Kolomojskyj und Achmetow und von den Extrem-Faschisten der Svoboda-Partei als Regierungs-Koalitionäre. Was wäre, wenn Marko Josilo seinen 10-Minuten-Beitrag dem ZDF, z.Hd. Klaus Kleber, zur weiteren Verwendung zusenden würde? Ein Glücksfall wäre dessen schriftlicher Kommentar zur Bereicherung aller, die erkennen, dass die Ukraine eine Blaupause in der Wahrnehmen von geopolitischen USA Interessen sein kann.
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H. Ahrens am 22 September 2014 20:46 Uhr
Das ist ein sehr guter Bericht. Es freut mich, dass in der heutigen Welt der Medienprostitutionen noch solche Berichte zu lesen sind. Danke!
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Mar Kus am 22 September 2014 17:38 Uhr
naja, einer Ihrer schwächeren Artikel, Herr Jošilo.
Poroshenko hat 20% Zustimmung zu erwarten bei den nächsten Wahlen. Timoshenko und Jaz nur 4%. wenn Poro geht, dann nur, weil die USA das so wollen.
Vielleicht lesen Sie mal hier rein, um eine andere Sichtweise der Dinge aufzunehmen: http://www.nachgerichtet.is/2014/09/usa-und-russland-lassen-die-eu-in-der.html
Aber wer weiss das schon, vielleicht liegt die Wahrheit ja auch irgendwo in der Mitte.
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matthias am 22 September 2014 02:05 Uhr
Steht auf für den Weltfrieden !

http://www.youtube.com/watch?v=-nmYkp40Ous

Eine Information der Gemeinde Neuhaus in Westfalen -
Bitte weiterverbreiten ……. Gruß matthias
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pat hall am 21 September 2014 20:57 Uhr
Danke für diesen Bericht und Ihrer Sichtweise Herr M.Josilo,wenigstens lassen Sie keine Propaganda ab,weder für die Eine oder Andere Seite.
Das Erscheinungsbild dieses Poroschenko´s war mir schon immer suspekt aufgrund seiner Kleidung.
Mal in Tarnanzug & Militärmontur obwohl diese Person doch kein Militärstratege oder sonst einen Dienstgrad aufweisen kann ?
Ein Schmierlappen ist er und weiter nichts !
Time will tell,sagt der Engländer und ich hoffe dass in der Ukraine bald Frieden,wie auch immer ,einkehren mag,zum Wohle der dort friedlich lebenden Zivilisten als auch für Europa.
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Martin am 21 September 2014 18:00 Uhr
Die Darstellung der Verhältnisse ist sehr realistisch und glaubwürdig. PORO wird gehen müssen, vielleicht greifen die Novorussen noch Kiev an, aber das steht momentan in den Sternen. Alle, die als Übeltäter in Frage kommen (USA,EU, NATO...) können sich in kürze wieder ihren normalen Aufgaben der Bürgerkontrolle und Steuereintreibung im Heimatlande widmen. Bald wird man sich allen Ernstes fragen, was da eigentlich geschehen ist, und die Anwort wird lauten "irgendso ein Krieg, ich hab's aber vergessen"...Wieder einmal ist ein Schachspiel zu Ungunsten der Menschen gewonnen worden. Es ist eine himmelschreiende Schande.
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unknown am 21 September 2014 17:49 Uhr
Interessante Sicht der Dinge, vielen Dank!
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